Nordlichter – oder: Wenn der Himmel Disco spielt und Opa stirbt (innerlich)

von admin | Jan. 20, 2026 | Allgemein

Opa steht draußen.
Das ist bereits der erste Fehler.

Es ist kalt. Nicht „ach, zieh dir eine Jacke an“-kalt, sondern dieses nordische Kalt, das sofort alle Lebensentscheidungen infrage stellt. Opa trägt drei Pullover, zwei davon aus einer Zeit, als Wolle noch kratzte und niemand sich beschwerte. Er zittert. Nicht vor Ehrfurcht. Vor Kälte. Und aus Prinzip.

Über ihm beginnt der Himmel zu flackern.

Grün. Lila. Ein bisschen Türkis, als hätte jemand versehentlich den Farbfächer fallen lassen. Die Nordlichter tanzen. Elegant. Lautlos. Majestätisch. Opa blinzelt. Seine Wimpern sind gefroren. Er weiß nicht, ob das schön ist oder ein Vorbote des Todes.

„Früher“, murmelt Opa, „war der Himmel einfach dunkel.“

Der Himmel ignoriert ihn und macht weiter. Jetzt wellt sich das Licht. Wie ein Vorhang. Wie ein kosmischer Bildschirmschoner. Opa denkt kurz an den Röhrenfernseher von 1987, der auch immer geflackert hat, kurz bevor er endgültig kaputtging. Ein ungutes Gefühl.

Seine Knie zittern. Vielleicht vor Rührung. Wahrscheinlicher: wegen minus 23 Grad und der Tatsache, dass er sich geweigert hat, eine Thermohose zu tragen. „Sowas braucht man nicht“, hatte er gesagt. Jetzt weiß er: Doch. Braucht man.

Neben ihm stehen jüngere Menschen. Begeistert. Sie machen Fotos. Opa versteht nicht, wie man bei dieser Kälte die Finger noch bewegen kann. Seine Hände fühlen sich an wie Tiefkühlware aus dem Sonderangebot. Wenn er jetzt applaudieren würde, klängen sie wie zwei gefrorene Fischstäbchen.

Der Himmel flackert stärker. Dramatischer. Als wolle er sagen: Schau her, Opa. Das ist das Universum.
Opa denkt: Ja, schön. Aber warum so kalt?

Ein Windstoß. Opa schwankt. Für einen Moment sieht er sein Leben an sich vorbeiziehen. Es ist kurz. Es besteht hauptsächlich aus beheizten Räumen.

Und trotzdem – ganz kurz – bleibt er stehen. Schaut nach oben. Vergisst das Zittern. Vergisst die Füße, die er seit zehn Minuten nicht mehr spürt. Der Himmel tanzt wirklich. Und Opa gibt es ungern zu, aber: Das ist schon beeindruckend.

„Na gut“, sagt er. „Kann man sich anschauen.“

Dann geht er rein.
Der Himmel darf weiterflackern.
Opa braucht Tee.

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