Opa beim ESC: Zwischen Musikfestival und Nahtoderfahrung

von admin | Mai 17, 2026 | Allgemein

Opa saß geschniegelt im Sessel, geschniegelt wie früher fürs Tanzcafé. Ein Glas Eierlikör in der Hand, die Hoffnung im Herzen:
„Ach, der Eurovision Song Contest, das wird bestimmt wieder ein netter Abend mit Musik.“

Und tatsächlich begann alles vielversprechend.
Unser Beitrag mit Sarah Engels war solide, melodisch, professionell. Eine echte Sängerin, ein echtes Lied, kein brennender Einkaufswagen, keine dämonische LED-Ziege auf Stelzen. Opa nickte zufrieden:
„Siehst du! Geht doch! Musik! Melodie! Text! Gefühle!“

Doch diese Hoffnung hielt exakt sieben Minuten.

Danach fragte sich Opa, ob er versehentlich in einer illegalen Lasershow auf Ketamin gelandet war.

„Wo ist denn die Musik?“, murmelte er, während auf dem Bildschirm ein halbnackter Wikinger mit LED-Hörnern rückwärts aus einem brennenden Einkaufswagen sang. Zumindest glaubt man, dass er sang. Es hätte auch ein Staubsauger sein können, der emotional verarbeitet, dass ihn niemand mehr benutzt.

Früher, sagt Opa, da standen Menschen auf der Bühne und sangen. Heute explodiert zuerst das Lichtkonzept, dann ein Bildschirm, dann vermutlich die Demokratie. Jeder Auftritt wirkt wie der Endgegner einer Epilepsie-Warnung.

Und diese Kamerafahrten!
„Ich wollte Musik hören und keinen Schleudersitz-Test der Luftwaffe!“

Kaum hatte Opa versucht, den Refrain zu verstehen, wurde er von 14 Lichtblitzen, fünf Flammenwerfern und einer Tänzerin in Latex psychologisch überwältigt. Irgendwo im Hintergrund jaulte jemand auf Finnisch oder Niederländisch über toxische Liebe zu einem Roboter.

Musikalisch erinnert der ESC inzwischen an eine Spotify-Playlist, die von einem nervösen Hamster mit ADHS zusammengestellt wurde. Ballade, Techno, Oper, Hexenritual, Breakdance, plötzlich Dudelsack – alles innerhalb von 40 Sekunden.

Opa fragte irgendwann vorsichtig:
„Ist das noch ein Gesangswettbewerb oder schon eine NATO-Übung?“

Besonders irritiert war er von den Punktvergaben. Früher gewann das schönste Lied. Heute gewinnt offenbar der Beitrag mit der größten Wahrscheinlichkeit, dass beim Auftritt jemand aus Versehen ein interdimensionales Portal öffnet.

Aber ganz ehrlich: Genau deshalb schauen wir es doch alle.
Der ESC ist kein Musikwettbewerb mehr. Er ist Europas jährlicher Fiebertraum. Eine Mischung aus Karneval, Stromausfall und Gruppentherapie mit Nebelmaschine.

Und Opa?
Der saß am Ende still im Sessel, die Haare leicht elektrisch aufgeladen, den Blick leer wie nach einem Kriegseinsatz.

Dann nahm er einen Schluck Eierlikör und sagte leise:
„Vielleicht bin ich wirklich alt geworden. Aber wenn das Kunst ist, möchte ich bitte wieder jung sein. Oder taub.“

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