Es gibt Dinge im Leben, die sind so verlässlich wie Rückenschmerzen nach dem Gartenumgraben.
Die Bahn hat Verspätung.
Die Butter wird teurer.
Und wenn irgendwo auf der Welt einer schief hustet, kostet der Liter Sprit bei uns plötzlich so viel wie früher ein halber Kleinwagen.
Opa war diese Woche tanken.
Nicht freiwillig. Eher so, wie andere zum Zahnarzt gehen: mit zusammengebissenen Zähnen, innerem Widerstand und der leisen Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm wird.
War es aber.
Opa steht also an der Zapfsäule, schaut auf die Zahlen – und hat für einen kurzen Moment geglaubt, er finanziert gerade heimlich den Wiederaufbau des Römischen Reichs.
Früher hat man getankt.
Heute macht man eine Investition mit ungewisser Rendite.
Die große Erzählung vom „Weltmarkt“
Wenn der Spritpreis steigt, dann kommt sofort das übliche Kasperltheater aus Politik, Pressekonferenz und Konzernsprech.
Dann heißt es:
- der Weltmarkt sei nervös,
- die Lieferketten seien angespannt,
- die Raffinerien hätten Bauchweh,
- der Euro sei melancholisch,
- und irgendwo habe vermutlich ein Öltanker traurig geschaut.
Kurz gesagt:
Niemand ist schuld, aber jeder verdient daran.
Und Opa fragt sich:
Wie kann es eigentlich sein, dass immer alles teurer wird wie ein Uhrwerk, aber billiger nur in homöopathischen Mengen?
Wenn der Rohölpreis steigt, dann dauert es ungefähr sieben Minuten, bis an der Tafel draußen die Zahlen hochklappen wie beim Glücksspiel in Las Vegas.
Wenn der Preis fällt, dann heißt es plötzlich:
„Ja, also, das muss sich erst noch im Markt abbilden.“
Ach so.
Nach oben geht’s mit Raketenantrieb.
Nach unten mit dem Rollator.
Die Regierung schaut zu – wahrscheinlich mit Taschenrechner ohne Batterien
Und dann kommt der Teil, bei dem Opa jedes Mal beinahe seinen Blutdruck an die Zimmerdecke tackert:
Unsere Regierung tut immer so, als sei sie bei dem ganzen Spiel nur zufälliger Zuschauer mit Namensschild.
Da stehen sie dann geschniegelt vor Kameras und sagen Dinge wie:
„Wir beobachten die Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit.“
Ja herzlichen Glückwunsch.
Das kann Opa auch.
Dafür brauche ich keine Ministerien, keine Pressestellen und keinen Dienstwagen.
„Wir beobachten“ ist in Deutschland längst die politische Übersetzung für:
„Wir machen exakt gar nichts, aber in sehr offizieller Haltung.“
Die Konzerne drehen an der Preisschraube, als hätten sie ein persönliches Abo auf den Bürgergeldbeutel der arbeitenden Bevölkerung – und Berlin schaut drein, als hätte man zum ersten Mal davon gehört, dass Benzin nicht aus Einhorntränen hergestellt wird.
Tankstellen – die Kirchen des modernen Ablasshandels
Früher hat man in der Kirche Geld eingeworfen, damit die Seele leichter wird.
Heute fährt man an die Tankstelle, steckt die Karte rein und hofft, dass wenigstens das Auto weiterläuft.
Das ist im Grunde derselbe Mechanismus:
Du zahlst, leidest innerlich und bekommst dafür eine sehr fragwürdige Form von Erlösung.
Und das Schönste ist:
Du hast keine Wahl.
Auf dem Land – wo Busse ungefähr so oft fahren wie Sonnenfinsternisse – ist das Auto kein Luxus.
Es ist Notwehr mit Kennzeichen.
Aber genau dort trifft es die Leute am härtesten:
- die Pendler,
- die Pfleger,
- die Handwerker,
- die Schichtarbeiter,
- die Rentner mit Arzttermin,
- und alle, die nicht in Berlin-Mitte auf einem Lastenrad zur moralischen Selbstveredelung unterwegs sind.
Opa sagt:
Wer auf dem Land über „freiwilligen Verzicht aufs Auto“ schwadroniert, hat entweder noch nie einen echten Alltag gehabt oder wohnt direkt über einem Bio-Supermarkt mit U-Bahn-Anschluss.
Die Konzerne lachen sich vermutlich in die Bonusabteilung
Und jetzt mal ohne Opa-Kamillentee:
Natürlich wird uns immer erzählt, alles sei wahnsinnig kompliziert.
Globale Märkte.
Geopolitische Spannungen.
Preisbildungsmechanismen.
Raffineriekapazitäten.
Steueranteile.
Währungseffekte.
Das klingt alles so beeindruckend, dass der normale Mensch irgendwann aufgibt und denkt:
„Na ja, dann wird’s schon seine Richtigkeit haben.“
Hat es aber oft nicht.
Denn wenn am Ende immer nur eine Seite zuverlässig gewinnt, dann ist das kein Naturgesetz.
Dann ist das ein Geschäftsmodell.
Und wenn Konzerne in schönen Jahren Gewinne einfahren, bei denen einem normalen Bürger schon beim Lesen der Pressemitteilung schwindlig wird, dann darf man ruhig die unhöfliche Frage stellen:
Wer hält hier eigentlich wen zum Narren?
Die Bürger die Regierung?
Die Regierung die Bürger?
Oder die Konzerne einfach beide – und alle klatschen noch höflich dazu?
Opa hätte da einen revolutionären Vorschlag
Jetzt kommt Opa mit einer Idee, die in diesem Land vermutlich sofort als „populistisch“, „problematisch“ oder „nicht hilfreich für den Diskurs“ gilt:
Man könnte den Wahnsinn auch einfach mal begrenzen.
Ja, ich weiß.
Ganz verrückter Gedanke.
Man könnte:
- Preisabsprachen wirklich hart verfolgen,
- fragwürdige Margensprünge öffentlich auseinandernehmen,
- Entlastungen nicht ankündigen wie Weihnachtsgeschenke im Juni,
- und aufhören, den Bürger bei jedem Liter so anzuschauen, als sei er persönlich schuld am Weltklima, nur weil er zur Arbeit fahren muss.
Aber nein.
Stattdessen bekommt man meistens dieselbe Mischung aus:
- moralischer Belehrung,
- wirtschaftlichem Schulterzucken
- und politischem Stand-up-Comedy ohne Pointe.
Fazit: Opa tankt noch – aber nur mit innerem Widerstand
Opa wird auch nächste Woche wieder tanken müssen.
Nicht, weil er Lust hat, sondern weil das Leben außerhalb großer Städte leider nicht mit gut gemeinten Sonntagsreden fährt.
Und während an der Zapfsäule wieder die Zahlen hochlaufen wie ein schlecht erzogener Glücksspielautomat, denkt Opa sich seinen Teil:
Vielleicht ist der Bürger in diesem Land gar nicht der Kunde.
Vielleicht ist er längst nur noch das dauerbelastbare Finanzierungsmodell auf zwei Beinen.
Und irgendwo zwischen Regierungserklärung, Konzerngewinn und Zapfpistole steht Opa, schaut auf den Preis und sagt nur noch:
„Früher hat man uns wenigstens direkt ausgeraubt. Heute heißt das Marktmechanismus.“


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