Opa wollte eigentlich nur entspannen. Wirklich. Ein bisschen Tee, ein bisschen Ruhe, ein bisschen „öffentlich-rechtliche Verlässlichkeit“. Vorabendprogramm eben. Früher war das die Uhrzeit, in der Kühe gemolken, Fragen geraten oder Familien versöhnt wurden.
Heute bekommt er ein Haus.
Ein altes, verlassenes Haus, in dem – wie die sonore Stimme erklärt – vor Jahren ein Mord geschah. Seitdem steht es leer. Natürlich steht es leer. Häuser mit glücklicher Vergangenheit sind schließlich keine Dramaturgie.
Die Kamera streicht genüsslich über bröckelnden Putz, knarzende Dielen, Staub im Gegenlicht. Dann Rückblenden. Schreie. Blut. Ein bisschen verpixelt, versteht sich. Man hat schließlich Standards.
Opa lehnt sich zurück und fragt sich, wann genau „Vorabend“ zur Vorbereitung auf den nächsten True-Crime-Podcast geworden ist. Es ist noch nicht einmal richtig dunkel draußen, aber im Fernsehen wird schon wieder gestorben.
Was lernen Kinder eigentlich um diese Uhrzeit? Dass jedes zweite Haus eine Tatort-Kulisse ist? Dass Spannung nur entsteht, wenn jemand umgebracht wurde? Dass das Böse zuverlässig Quote bringt?
Aber wehe, irgendwo wäre ein nackter Busen zu sehen. Dann bräche vermutlich sofort der moralische Ausnahmezustand aus. Jugendschutz, Entrüstung, Talkshows. Man könnte meinen, der menschliche Körper sei gefährlicher als ein Küchenmesser im Hauptabendprogramm.
Opa kratzt sich am Kopf.
Was ist denn nun wirklich verstörend? Ein bisschen Haut, die wir alle besitzen? Oder die sorgfältig inszenierte Rekonstruktion eines Mordes inklusive dramatischer Musik?
Offenbar ist Blut pädagogisch wertvoller als Biologie. Gewalt gilt als Spannung, Nacktheit als Verrohung. Vielleicht erklärt das tatsächlich einiges, wenn man sich so die Weltlage ansieht.
Wir erschrecken uns vor Natürlichkeit, aber wir gewöhnen uns an Brutalität. Wir diskutieren hitzig über Anstand, während wir Gewalt zur Serienunterhaltung machen. Und das alles im Namen der kulturellen Verantwortung.
Das Haus im Fernsehen bleibt leer. Aber die Sendeplätze sind gut gefüllt – mit Angst, Abgründen und dem beruhigenden Gefühl, dass das Böse immer woanders wohnt.
Opa schaut noch einen Moment zu. Dann greift er zur Fernbedienung. Klick. Schwarz.
„Entspannung“, murmelt er.
Vielleicht ist das heute die radikalste Form von Medienkompetenz: einfach auszuschalten.
Und das Haus?
Das darf gern weiter leer stehen.
Im Fernsehen ist es ohnehin schon überbelegt.


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